Reise entlang der Oberschwäbischen Barockstraße

vom 14. bis zum 16. Juli 2000

Ein Reisebericht von Gunter Grünwedel

1. Tag / Freitag, 14. Juli

Am Freitag, kurz nach 6.30 Uhr starteten wir zu unserer Fahrt, um eine Auswahl der wichtigsten Kirchenbauten und Klöster vom späten 17. Jahrhundert bis zur Schwelle zum Klassizismus (Ausgang 18. Jahrhundert) auf der Haupt- und östlichen Route der Oberschwäbischen Barockstraße zu besichtigen.

Nach der Frühstückspause an der Raststätte Gruibingen/Schwäbische Alb mit vom Verein gestifteten Brezeln und Sekt gestärkt, konnten uns auch die stärksten Regenschauer unsere gute Stimmung nicht vermiesen.

Über Ulm und Ehingen erreichten wir um 10.00 Uhr unser erstes Ziel Obermarchtal. Im ehemaligen Prämonstratenser-Reichsstift Marchtal befindet sich heute ein Bildungshaus und eine Akademie der Lehrerfortbildung. Kirche und Klostergebäude bilden eine Anlage in vollendeter Symmetrie. Zu den architektonischen und kunstgeschichtlichen Kostbarkeiten zählt insbesondere das Sommerrefektorium, der so genannte Spiegelsaal. In einem Teil der Gebäude übernachtete vom 1. zum 2. Mai 1770 die österreichische Erzherzogin Marie Antoinette auf ihrer Brautfahrt von Wien nach Paris. Die von den Voralberger Baumeistern Michael und Christian Thumb errichtete Stiftskirche, eine Wandpfeilerkirche, gilt als eines der besten Beispiele des deutschen Frühbarocks. Die traditionsreiche Klosteranlage markiert auch den Beginn des oberschwäbischen Barocks.

In Riedlingen machten wir Mittagspause. Sehenswert sind hier die Fachwerkhäuser, die Lüftelmalerei und der Narrenbrunnen.

Anschließend besichtigten wir das Münster Zwiefalten, Kirche der ehemaligen Benediktiner-Reichsabtei, heute Pfarr- und Marienwallfahrtskirche.

Zwiefaltens Münster gehört zu den vollkommensten barocken Gesamtkunstwerken. Mit einer Länge von 99 Metern präsentiert es sich in der Längenausdehnung als Johann Michael Fischers größter Sakralbau. Die Deckenfresken von Franz Joseph Spiegler sind inhaltlich aufeinander abgestimmt. Hervorzuheben ist auch die überreiche Ausstattung mit Stuckaturen von Johann Michael Feichtmayr und die Kanzel-Ezechiel-Partie von Joseph Christian. Die Architektur des monumentalen Baus gehört dem Spätbarock, sein dekoratives Kleid dem Rokoko an.

An der Strecke über Biberach nach Memmingen liegt auch Ochsenhausen. Obwohl ursprünglich nicht vorgesehen, machten wir hier Halt. Im ehemaligen Benediktinerkloster ist heute die „Landesmusikakademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg“ untergebracht.

In der Klosterkirche (jetzt Pfarrkirche) brachten wir zwei Lieder zu Gehör. Die dreischiffige spätgotische Kirche zeigt sich heute im prächtigen barocken Gewand.

Entlang der Iller, die hier die Grenze zwischen Baden-Württemberg und Bayern bildet, gelangten wir etwa um 18.00 Uhr nach Memmingen. Das Hotel Falken wurde für zwei Tage unser Domizil. Im Restaurant „Klösterle“, wenige Schritte davon entfernt, war das Abendessen für uns schon vorbereitet. Hier verbrachten wir den Abend in gemütlicher Runde.

2. Tag / Samstag, 15. Juli

Um 8.45 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Buxheim. In der besterhaltenen Reichskartause Deutschlands beeindruckte uns besonders der ungewöhnlich lange Kreuzgang, um den sich – wie Perlen an einer Schnur – die Eremitenzellen, abgeschirmt von den übrigen Klostergebäuden, gruppieren. Bei der Führung in ein Zellenhäuschen mit Gartenanlage erfuhren wir das Wesentliche über das Leben der Priestermönche des Kartäuserordens, dem strengsten aller Mönchsorden.

Die Kartausenkirche, eine gotische Kirche mit Frühbarockausstattung, ist mittels des quer durch die Kirche verlaufenden Kreuzgangs in einen Priester- und Bruderchor getrennt. Ein Meisterwerk, das in seiner Art ohne Vorbild ist, schuf der Bildhauer Ignaz Waibl mit dem Chorgestühl, das im Zusammenhang mit der Säkularisierung des Klosters vom späteren Besitzer verkauft, nach einer Odyssee durch Holland und England, sich schließlich wieder im Priesterchor befindet. Ein Schmuckstück des Barocks stellt auch die der Kirche angebaute Marienkapelle dar. Geradezu überwältigt waren wir von dem Rokokokleinod, der Annakapelle, die von Dominikus und Baptist Zimmermann so gestaltet wurde, dass trotz des quadratischen Grundrisses die Illusion eines ovalen Raumes besteht.

Weiter ging es zur ehemaligen Prämonstratenser-Reichsabtei Rot an der Rot.

In der heutigen Pfarrkirche St. Verena, erbaut 1777-1784, wird vor allem der Übergang vom Barock zum Klassizismus deutlich. Auffallend für den Betrachter sind die Deckengemälde Zicks, vom Aufbau und vom Motiv her übersichtlich und eindeutig, wie auch in unserer Jöhlinger Kirche St. Martin.

Mit zwei Liedern in dieser ehemaligen Abteikirche klang der Vormittag aus.

Während der Mittagspause in Memmingen hatten wir Gelegenheit, den alten Stadtkern mit dem idyllischen Marktplatz kennen zu lernen.

Den Nachmittag verbrachten wir in Ottobeuren, heute auch Kurort. Im Mittelpunkt unseres Interesses stand natürlich die Benediktinerabtei, die hier seit über 1200 Jahren besteht. Das Klosterleben der Mönchsgemeinschaft war auch während der Aufhebung der Abtei von 1802-1834 nicht unterbrochen.

Zunächst besuchten wir das Museum, denn das Kloster beherbergt in den ehemaligen Gemächern des Abtes und der Stiftsverwaltung eine umfangreiche Kunstsammlung. Einen Blick konnten wir auch auf die große Barockbibliothek werfen, die auf die bedeutende Schreib- und Buchmalstube des Klosters im 12. Jahrhundert und die Errichtung einer Druckerei bereits im Jahre 1509 hinweist. Krönender Abschluß der Museumsbesichtigung war der prachtvolle Kaisersaal, der jetzt für Konzerte genutzt wird.

Die mächtige Klosteranlage und Basilika (1766 Weihe) mit reichster Ausstattung der besten Künstler ihrer Zeit stellt einen Höhepunkt des schwäbisch/bayrischen Barocks und eine der glanzvollsten Leistungen des europäischen Rokoko dar. Davon konnten wir uns bei einer Führung von einem Benediktinerpater durch die Kirche überzeugen. Hervorzuheben, aus unserer Sicht, ist die Kapelle des hl. Bischofs Martin von Tour auf der linken Seite der Vierung.

Die gewonnenen Eindrücke konnten wir dann als Zuschauer während einer Generalprobe des Sinfonieorchesters und Chor des Bayerischen Rundfunks mit den Regensburger Domspatzen in der Basilika auf uns einwirken lassen.

Nach dem Abendessen in Memmingen war noch lange nicht Schluss, denn am nächsten Tag ging es schon wieder nach Hause.

3. Tag / Sonntag, 16. Juli

Auch am Sonntagmorgen starteten wir bereits um 8.45 Uhr mit dem Ziel Steinhausen, um in der dortigen Marienwallfahrts- und Pfarrkirche St. Peter und Paul am Gottesdienst teilzunehmen. Auf der Hinfahrt machten wir uns mit einem fröhlichen Einsingen munter.

Vor dem Gottesdienst erfuhren wir von unserer hervorragenden Reiseleiterin alles Wissenswerte über die vom Kloster Bad Schussenried durch die Gebrüder Dominikus (Architekt und Stuckateur) und Johann Baptist Zimmermann (Freskenmaler) 1727-1733 erbaute, heute noch „Schönste Dorfkirche der Welt“.

Steinhausen ist die erste deutsche Kirche ovalen Grundrisses mit Freipfeilerhalle, quasi ein Vorläufer der Wieskirche. Hervorzuheben sind außer den überwältigenden Deckenfresken, das Gnadenbild der Pieta aus dem 15. Jahrhundert, sowie links und rechts daneben die Figuren der beiden Kirchenpatrone Petrus und Paulus am Hochaltar. Als Besonderheit gilt die Darstellung von ungewöhnlichen Tierstuckaturen (z.B. Elsternnest, Specht oder Eichhörnchen), zu denen sich vielfältige Blumenstuckaturen gesellen.

Mit zwei Liedern nahmen wir Abschied von diesem herrlichen Gotteshaus.

Zur Mittagspause hielten wir uns in Ravensburg auf. Sehenswert ist die historische Altstadt mit ihren Stadttoren und Türmen.

Gut gestärkt erreichten wir am Nachmittag Weingarten/Württemberg. Die Benediktinerabtei (unvollendete barocke Klosteranlage) mit Basilika, heute auch Stadtpfarrkirche St. Martin und Wallfahrtsstätte zum Heiligen Blut, war die letzte Station auf unserer Rundfahrt entlang der Oberschwäbischen Barockstraße.

Vor der monumentalen Kirche, dem „Schwäbischen Sankt Peter“, ergab sich die Gelegenheit für ein Gruppenfoto. Diesen Namen trägt die Weingartner hochbarocke Basilika zu Recht, denn das Gotteshaus ist fast halb so groß wie der römische Petersdom.

Auch der Innenraum ist überwältigend. Hervorzuheben sind der Heilig-Blut-Altar mit einsehbarem Reliquiar, die Fresken von Cosmas Damian Asam, der Stuck von Franz Xaver Schmuzer, das Chorgestühl von Joseph Anton Feuchtmayer und die Welfengrablege.

Auf der Rückfahrt über Mengen, Meßkirch, Tuttlingen, Titisee durch das Höllental und Freiburg nach Walzbachtal wurde uns, abgesehen von der schönen Landschaft, nicht langweilig, da zwischen den Sängerinnen und Sängern im unteren und oberen Teil des Busses ein reges Wunschkonzert zustande kam.

In Freiburg verabschiedete sich unsere unermüdliche Reiseleiterin, die uns mit ihrem umfangreichen Wissen die Faszination des Barocks/Rokoko sowie die künstlerischen, historischen, kulturellen und religiösen Inhalte näher gebracht und damit wesentlich zum Erfolg dieser Reise beigetragen hat.

Dafür haben wir ihr entsprechend gedankt. Als Clou brachten ihr Gerd, Martina, Monika und Ingo ein selbst gedichtetes Abschiedsständchen dar.

Dieser Dank galt natürlich auch unserem Busfahrer für seine umsichtige Fahrweise und die immer rechtzeitigen Pausen, in denen er uns mit Kaffee, Gebäck und sonstigen Getränken versorgt hat.

Ein herzliches Dankeschön geht ebenso an Kuno und Richard als Organisatoren dieses schönen Ausflugs und an Martina und Gerd für die „Zwischenmahlzeiten“, die eine so große Resonanz gefunden haben, dass sie bei künftigen Fahrten beibehalten werden sollten.

Fazit dieser Reise ist auch: Solch eine Dichte barocker Bauten, Kirchen und Klöster wie in Oberschwaben und im Allgäu gibt es sonst nirgends mehr auf der Welt. Trotz des Regens, der uns häufig begleitete, war es eine erlebnisreiche Zeit in kameradschaftlicher Atmosphäre.

Deshalb auf ein Neues in den nächsten Jahren.

Gunter Grünwedel / im August 2000