Reise nach Thüringen und Sachsen-Anhalt

Auf den Spuren von Gothe, Bach, Schiller, Luther und Händel vom 8. bis zum 11. Juli 2004

Ein Reisebericht von Gunter Grünwedel

1. Tag: Im Herzen Deutschlands – Wartburg und Weimar

Die Koffer waren gerade verstaut, als ein heftiger Gewitterschauer unsere Abfahrt frühmorgens um 6.00 Uhr am Jöhlinger Kirchplatz begleitete. Die Fahrt ging über Frankfurt a.M. nach Eisenach. Zuvor ließen wir uns an der Raststätte Pfefferhöhe bei Alsfeld die vom Verein gestifteten Brezeln und Getränke schmecken, um anschließend die Reise trotz des anhaltenden Regens bei guter Stimmung mit fröhlichen Weinliedern fortzusetzen.

Eisenach, die Wartburgstadt in Thüringen, war schon zu DDR-Zeiten ein vielbesuchtes Touristenziel. Seit der Wiedervereinigung ist der Andrang auf die Burg fast so groß wie auf Schloss Neuschwanstein in Bayern. Die mächtige Wartburg (11. Jh.) liegt oberhalb der Stadt. Hier trugen Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach ihren Sängerkrieg aus, wirkte die Heilige Elisabeth für die Armen (bekannt durch das Rosenwunder), übersetzte Junker Jörg, alias Martin Luther, in nur zehn Wochen die Bibel (1521/22), und beim Wartburgfest der Studenten flatterten 1817 erstmals schwarz-rot-goldene Fahnen (zu sehen im großen Festsaal der Burg) für die Einheit und Freiheit Deutschlands.

Vielfältig wie ihre Geschichte sind auch die Baustile der Burg: Romanik, Gotik, Renaissance und Historismus fügen sich hier zu einem Gesamtensemble.

Bei einer Führung besichtigten wir u.a. die Frl.-Elisabeth-Kaminstube mit Gemälden aus dem Leben der Hl. Elisabeth, den Elisabethengang mit Fresken der Barmherzigkeit, den Raum in dem der Sängerkrieg stattfand und den ca. 250 qm großen Festsaal.

Beim Rundgang durch das daneben befindliche Museum mit historischem Besteck und Ritterrüstungen bekamen wir hauptsächlich Bilder und Gegenstände aus dem Leben Martin Luthers und natürlich die Stube, in der er die Bibel übersetzte, zu Gesicht.

Nachmittags erreichten wir dann Weimar (62.000 Einwohner) und stärkten uns mit einem vom Verein gespendeten Vesper sowie von der Firma Wöhrle gesponserten Sekt.

Die personifizierte Deutsche Klassik steht überlebensgroß auf einem Sockel vor dem Nationaltheater: Goethe (1749-1832) und Schiller (1759-1805) begründeten Weimars Ruhm als „Hauptstadt des Geistes“. Die Stadt ist gespickt mit Gedenkstätten: Schillerhaus, Goethehaus, Haus der Charlotte v. Stein, Goethes Gartenhaus, das Goethe- u. Schiller-Archiv und die Zentralbibliothek der Deutschen Klassik.

Vor Schiller und Goethe wirkten hier schon Johann Sebastian Bach und der Maler Lucas Cranach, der Rokoko-Dichter Christoph Martin Wieland und der Philosoph Johann Gottfried Herder, und nach ihnen kam Hofkapellmeister Liszt. Im Nationaltheater beriet 1919 die Nationalversammlung die Verfassung der Weimarer Republik.

Diese bzw. deren Gedenkstätten und Denkmäler konnten wir bei einer Stadtführung sehen, bei der uns auch einige amouröse Geschichten über Goethe und Frau Charlotte von Stein zu Gehör gebracht wurden.

Entlang dem Thüringer Holzland bis zum Vogtland über Jena, Naumburg, Merseburg kamen wir schließlich um 19.30 Uhr am Reiseziel Bad Lauchstädt an.

Die Überraschung war gelungen, als beim Abendessen jeder Gast ein Glas Sekt oder anderes Getränk und Präsent im Auftrag der Firma BIG überreicht bekam.

2. Tag: Besuch bei den Hexen im Harz

Die Fahrt ging von Bad Lauchstädt durch die Leipziger Tiefebene Richtung Harz, über Eisleben (Martin Luthers Geburtsstadt) auf der Straße der Romanik nach Gernrode.

Dort besichtigten wir die im Jahre 1000 erbaute frühromanische Stiftskirche St. Cyriakus. Sie ist der älteste noch komplett erhaltene Kirchenbau Norddeutschlands. Der Innenraum der Kirche beeindruckt vor allem durch byzantinische Fresken und markante seitliche Säulenarkaden mit Langhausemporen sowie die geschnitzte und ausgemalte Balkendecke. Eine Besonderheit ist der Nachbau des Hl. Grabes von Jerusalem in Originalgröße. Sehenswert waren auch der reichverzierte Taufstein und der Sarkophag des Kirchenstifters Markgraf Gero sowie die Ostkrypta. Mit einem Lied verabschiedete sich der Chor von diesem Juwel mittelalterlicher Baukunst.

Nostalgisch, lustig und feuchtfröhlich gestaltete sich die anschließende Fahrt mit der Selketalbahn, einer Harzer Schmalspurbahn von Gernrode über Sternhaus, Mägdesprung nach Alexisbad. Unser mit einer Dampflok bespannter Zug ruckelte und zuckelte, derweil ein geschäftstüchtiger Schaffner gleich korbweise kleine Likörfläschchen an den Mann/die Frau brachte. Bei einem Stimmungsliederpotpourri verging danach die restliche Fahrt wie im Flug.

Mit dem Bus fuhren wir dann weiter zum Hexentanzplatz nach Thale. Der Hexentanzplatz befindet sich auf einer 451 m hohen Felsenklippe über der Stadt Thale. Er war ein altsächsischer germanischer Kultort, an dem vor allem in der Nacht zum 1. Mai, der Walpurgisnacht, Rituale abgehalten wurden. Von hier oben konnten wir während der Mittagspause die Aussicht über die Stadt Thale und in der Ferne auf den 1142 m hohen Brocken, den höchsten Berg des Harzes, genießen.

Am Nachmittag standen in Quedlinburg an der Bode zwei Stadtführer für uns bereit. Die Stadt (27.700 Einwohner) überstand die 1000 Jahre ihrer Geschichte mit allen Kriegen und Krisen ohne Zerstörung und hat sich so ihr mittelalterliches Stadtbild mit heute noch 1200 Fachwerkhäusern aus sechs Jahrhunderten bewahrt.

Einen besonders malerischen Teil davon bekamen wir zu sehen, als wir durch die schmale „Gasse der Schuhmacher“, zum Marktplatz mit der Marktkirche St. Benedikti (15. Jh.) gingen, deren Turm noch bis 1901 von einem Türmer bewohnt war. Vorbei am hochgotischen Rathaus mit Renaissanceportal, dem Museum über Glasmalerei und Bleiverglasung, dem ältesten Fachwerkhaus Mitteldeutschlands (1340-1350) gelangten wir zur St. Blasikirche mit einem barocken Kanzelaltar, die heute allerdings als Konzerthaus genutzt wird. Mit einem spontan gesungenen Lied konnten wir dessen Akustik testen.

Höhepunkt der Stadtführung im wahrsten Sinne des Wortes war dann der Schlossberg mit dem Renaissanceschloss (16. Jh.) und der Stiftskirche St. Servatius, eine hochromanische Basilika (1070-1129), die im Dritten Reich als SS-Weihestätte missbraucht wurde. Heute ist sie wieder eine ev. Pfarrkirche. In der Schatzkammer dieser Basilika befindet sich seit 1993 der Quedlinburger Domschatz, der einzig vollständig erhaltene deutsche Kirchenschatz. Leider konnten wir wegen Renovierungsarbeiten nicht in das Kircheninnere. Dafür wurden wir mit einem schönen Blick auf die Stadt und den Harz entschädigt. Die Quedlinburger Altstadt ist 1994 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden.

Mit Stimmungsliedern bei Harmonikabegleitung am Abend klang dieser ereignisreiche Tag aus.

3. Tag: Unterwegs mit Friedrich Händel in Halle…

…und mit Herrn von Goethe in Bad Lauchstädt!

Halle, die größte Stadt Sachsen-Anhalts (240.000 Einwohner) hat eine fast 1000jährige Geschichte. Der Stadtname Halle kommt von Salzgewinnung – Salzsiederstadt. Salzhandel begründete im Mittelalter ihren Reichtum.

Die Stadtführung begann mit einer Stadtrundfahrt. An der schönsten Stelle dieser Stadtrundfahrt am Saaleufer mit Blick auf die Saalebrücke und Burg Giebichenstein machten wir einen Fotohalt. Vorbei an Kirchen, Behördengebäuden, Universität, ehemaliges Stasigebäude (heute Finanzamt) und den Franckesche Stiftungen (pädagogisch-soziale Einrichtungen) kehrten wir zu unserem Ausgangspunkt, dem Hallmarkt zurück.

Beim anschließenden Stadtrundgang besichtigten wir zunächst die Marktkirche, eine dreischiffige gotische Hallenkirche aus dem 16. Jh.. Zwei ihrer 4 Türme sind mit einer Brücke verbunden, da diese früher dem Türmer samt seiner Familie als Wohnung dienten. In dem zunächst kath., seit der Reformation ev. Gotteshaus predigte bereits Martin Luther und Händel erlernte hier das Orgelspiel. In der Sakristei ist von Martin Luther eine Maske und ein Händeabdruck ausgestellt. Auch der jetzige Papst besuchte einst als Kardinal diese Kirche. Neben den Kirchtürmen überragt noch der 84 m hohe Rote Turm, ein freistehender Glockenturm aus dem 15./16. Jh. den Marktplatz. Weitere Stationen dieses Rundganges waren das Händeldenkmal, das Stadthaus von 1892, das Neue Theater mit Wandmalerei von zeitkritischen Stücken, die Universität, der Dom zu Halle mit Rundgiebel aus dem 13. Jh., der Ehrenhof des Händelhauses (Händel wurde hier 1685 geboren) und eine Illusionswand mit gewagter Wandmalerei.

Schließlich kamen wir zum Restaurant „Ackerbürgerhof“, wo wir bereits zum Mittagessen erwartet wurden. Hier, in diesem vor dem Zerfall bewahrten Gasthaus, hatten schon Goethe und Händel gespeist.

Nur ein paar Schritte von unserem Hotel entfernt begann am Nachmittag eine Führung durch die „Bad Lauchstädter Historischen Kuranlagen“ und das Goethetheater.

Bad Lauchstädt war die Sommerresidenz und Erholungsort der Herzöge von Thüringen. Deshalb verbrachte auch Goethe hier zahlreiche Sommeraufenthalte.

Bei den Historischen Kuranlagen handelt es sich um eine von Chryselius geschaffene spätbarocke Gesamtanlage, die in der Gliederung der Fassaden des Kurhauses und der Pavillons und vor allem in der Gestaltung des Kolonnadenzuges schon ganz der Baukunst des Klassizismus zugewendet ist. Seit seiner Wiederherstellung von 1966-1968 mit Verbesserung des Hochwasserschutzes und Sanierung der alten Bauwerke entfaltet der Park mit dem lieblichen See wieder seine alte Pracht.

Eine Sammlung von Theaterprogrammen und Münzen aus der Zeit von Schiller und Goethe in einem der Pavillons stimmte uns auf den Besuch jenes Theaters ein, dem Bad Lauchstädt seinen eigentlichen Ruhm verdankt. Dieses Theater ist 1802 nach Plänen von Heinrich Gentz und unter Mitwirkung Goethes errichtet worden. So bestimmte der Dichter die Farbgestaltung des Zuschauerraums (gelb, rot und grau) sowie dessen zeltartige, bemalte Leinwanddecke. Unsere größte Bewunderung fand allerdings die originalgetreu rekonstruierte, barocke Bühnentechnik, vollständig aus Holz gefertigt, deren ausgeklügeltes System aus Rollen, Wellen und Seilen einen Dekorationswechsel bei offener Bühne in kürzester Zeit ermöglicht.

Der Entdeckung der Heilquelle im Jahr 1700 durch den Halleschen Medizinprofessor Friedrich Hoffmann, auch uns durch die „Hoffmanns Tropfen“ bekannt, dem damit verbundenen Kurbetrieb bis 1940 und dem Brunnenbetrieb, d.h. Heilwasserversand ab 1905 verdankt Bad Lauchstädt seine Bedeutung als Badeort. Das Bad Lauchstädter Mineralwasser ist das berühmteste Wasser Mitteldeutschlands und war zu DDR-Zeiten nur auf Rezept erhältlich. Wer ein Trinkglas kaufte, konnte davon verkosten.

Viel Beachtung fanden auch noch der Kursaal mit klassizistischer Ausmalung und der Spielpavillon mit Rokokoausstattung.

Der Abend stand ganz unter dem Motto: „Abendessen mit Herrn von Goethe – Herr Geheimrat von Goethe lädt uns zu einem festlichen Essen ein“.

Selbst die barock gekleidete Dienerschaft staunte nicht schlecht, als Anna in einer eiligst angefertigten („angemessenen“) Garderobe würdevoll die Treppe herab in den Speisesaal schritt.

Durch die festliche Tafel im barocken Ambiente fühlten wir uns in das 18. Jh. versetzt. Die Speisen wurden im Stil dieser Zeit gereicht.

Dazwischen unterhielt uns eine Hausdame mit Anekdoten über Goethe. So nebenbei erfuhren wir, dass der Herr Geheimrat kein Kostverächter war, weder in Bezug auf sein Verhältnis zu Frauen noch auf den Genuss von Speisen und Trank, vor allem von Wein. Auch wir genossen diesen Abend.

4. Tag: „An der Saale hellem Strande…“

Nach relativ kurzer Fahrt auf der Heimreise durch das Saaletal machten wir in Freyburg an der Unstrut, einem 800 Jahre alten Städtchen mit 4.500 Einwohnern inmitten des nördlichsten Weinanbaugebietes Europas Halt. Da wir kurz zuvor die Rotkäppchen-Sektkellerei passiert hatten, lag es nahe, deren Produkt gleich bei der Ankunft auf dem Parkplatz zu verkosten. Der Verein hatte dazu schon zu Hause mit einigen Flaschen vorgesorgt.

Offenbar war dies für den Freyburger Stadtführer ein so schnell wirkender Zungenlöser, dass er uns in der Ehrenhalle des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn einen überaus ausführlichen Vortrag über dessen Lebenslauf und die Geschichte Freyburgs hielt. In den künstlerisch gestalteten Fenstern der Halle sind die bisher abgehaltenen Deutschen Turnfeste dargestellt. Jahn, der von 1825-1852 in Freyburg lebte, war vom preußischen Militär geprägt. Ein in der Halle ausgestelltes und aus dieser Zeit stammendes Turngerät ähnelte, anders als die heutigen Geräte, frappierend einem Militärpferd.

Das Jahndenkmal in der Stadt benutzten wir als Kulisse für ein Gemeinschaftsfoto. Über Freyburg erhebt sich die Neuenburg. Sie wurde etwa um 1090 erbaut und ist 3 ½ mal größer als die Wartburg.

Zuletzt besichtigten wir die von 1225-1250 errichtete romanische Stadtkirche St. Marien, der im Jahre 1494 ein gotischer Chor angebaut wurde. Ein Kleinod dieser Kirche ist der holzgeschnitzte gotische Flügelaltar mit dem Bildnis Maria Krönung.

Zügig ging es weiter. Nach wenigen Kilometern im romantischen Tal der Unstrut kamen wir doch noch rechtzeitig zu unserem vorbestellten Mittagessen im Gasthaus „Zur Hupe“ in Roßbach. Von dort konnte man schon die Silhouette des Naumburger Doms erkennen.

Naumburg, um das Jahr 1000 gegründet, ist Kreisstadt (29.600 Einwohner) an der Mündung der Unstrut in die Saale in Sachsen-Anhalt. Unser Ziel war der dortige Dom. Der Naumburger Dom St. Peter und Paul, eine doppelchörige Basilika, 1207 begonnen, Anfang des 14. Jhs. vollendet, spiegelt den Übergang von der Romanik zur Gotik . Das dreischiffige Langhaus des Domes wird im Osten durch einen romanischen Lettner und im Westen durch einen gotischen Lettner vom Chor getrennt. Kommt man durch den Westlettner mit Passionsszenen in den bedeutenderen frühgotischen Westchor mit den Stifterfiguren des Naumburger Meisters, wirkt dies wie der Eintritt in eine andere Kirche.

Nach der Kirchenführung prüften Bernhard und Kuno als Solisten die Akustik in der romanischen Krypta der Kirche.

Daraufhin begann eine längere Strecke auf der A9 Richtung Bad Steben. Vor Hof durchquerten wir nach Selbitz auf der Bundesstraße den Frankenwald, fuhren ein Stück den Main entlang, wo uns auf einer Anhöhe das Kloster Banz grüßte, und kamen kurz danach eine Minute vor 18.30 Uhr auf dem Parkplatz des Klosters Vierzehnheiligen bei Staffelstein an. Als letzter Höhepunkt unserer Reise war eigentlich die Besichtigung der prachtvollen, barocken Wallfahrtskirche dieses Klosters geplant. Aber der Mesner, der offensichtlich einen pünktlichen Feierabend über alles schätzte, machte vor unseren Augen die Türen zu. So blieb uns leider nur die Außenansicht der Kirche. Wir konnten dadurch jedoch sofort im Gasthof „Goldener Stern“ zum bereits bestellten Abendbrot einkehren.

Über Bamberg, Würzburg mit angestrahlter Burg, Heilbronn trafen wir um Mitternacht wohlbehalten aber etwas müde in Jöhlingen ein.

Lob und Dank gebührt sowohl unserer Vorsitzenden, als auch Michael für die hervorragend organisierte Reise und unserem Busfahrer, bei dem wir uns jederzeit sicher fühlten.

Bedanken möchten wir uns außerdem für die vielen willkommenen Kaffeepausen, bei denen uns der Busfahrer mit Kaffee sowie von Theresia und Hannelore gebackenen Kuchen versorgt hat.

Gerne denken wir an diesen großartigen Ausflug zurück.

Gunter Grünwedel / im August 2004