Ungarn-Reise

vom 29. Juni bis zum 5. Juli 1998

Ein Reisebericht von Gunter Grünwedel

1. Tag / Montag, 29. Juni

Bereits um 5.30 Uhr stand am Montag, dem 29. Juni, unser Bus auf dem Kirchplatz zur Abfahrt bereit. Frohgelaunt und voller Erwartungen traten wir dann pünktlich um 6.00 Uhr unsere Reise nach Ungarn an, nicht ohne zuvor von unserem Präses, Herrn Pfarrer Speckert, mit guten Segenswünschen verabschiedet geworden zu sein.

Unsere Reiseroute führte uns zunächst nach Bruchsal zur Autobahn, über das Walldorfer Kreuz Richtung Heilbronn, Nürnberg, Regensburg nach Passau. Schon in der Hohenlohe machten wir eine Frühstückspause, bei der vom Verein in altbewährter Art die Getränke und Brezeln zur Verfügung gestellt wurden.

Rechtzeitig vor 12.00 Uhr waren wir in Passau im Dom, um ein Orgelkonzert auf der größten (fünfteiligen) Kirchenorgel der Welt genießen zu können. Bei der Domführung hörten wir dann, daß diese Kathedrale dem Hl. Stephanus geweiht ist, und sich das Bistum Passau vom frühen Mittelalter an einige Jahrhunderte lang bis Györ/Ungarn, unserem eigentlichen Reiseziel an diesem Tage, erstreckte und dabei auch Wien (daher „Stephansdom”) einschloss.

Über die Autobahn nach Linz an der Donau (Grenzübertritt nach Österreich bei Suben), vorbei am Benediktinerstift Melk, mit einer Kaffeepause bei St. Pölten (Autobahnraststätte Rosenberger), durch den Wienerwald, über Mayerling, mit einem Blick in das vielbesungene Helenental bei Wien sowie durch die südöstlichen Bezirke der österreichischen Hauptstadt erreichten wir schließlich die ungarische Grenze bei Nickelsdorf bzw. Hegyeshalom. Zuvor konnten wir noch im Bus auf den 2:1-Sieg der deutschen Fußball-Nationalelf über Mexiko anstoßen, denn über den ORF wurden wir auf dem laufenden gehalten.

Nach einer kurzen Pause der Paßkontrolle wegen setzten wir unsere Reise fort und erreichten nach einer insgesamt dreizehnstündigen Fahrt um 19.45 Uhr unser Hotel in Györ, wo uns nach der Zimmerzuteilung das Abendessen erwartete.

2. Tag / Dienstag, 30. Juni

Nach dem Frühstück um 9.00 Uhr – die Koffer waren wieder im Bus verstaut – unternahmen wir mit unserem ungarischen Reiseleiter, der perfekt deutsch sprach, einen Spaziergang durch die Stadt Györ (deutscher Name „Raab”). Zuvor wurden wir mit Kopfhörer ausgestattet, damit wir den Reiseleiter auch aus einiger Entfernung verstehen konnten.

Die alte Bischofsstadt ist stolz auf eine der malerischsten Innenstädte Ungarns. Schmale Gassen mit einer Vielfalt an Geschäften und Restaurants winden sich an stattlichen Häusern vorbei. Der „Széchenyi tér”, ein Platz, auf dem früher Märkte abgehalten wurden, wird von einer Marienstatue und der Ignatiuskirche mit den beeindruckenden Fresken von Paul Troger dominiert.

Wir sahen die alte Jesuitenapotheke und besichtigten die barocke Kathedrale, die auf einem Hügel beim Zusammenfluß von Kisduna („kleine Donau”) und Rába („Raab”, daher der deutsche Name der Stadt) steht. Das derzeitige Gebäude wurde im 17. Jahrhundert errichtet. Beeindruckend sind die Wandgemälde von Franz Anton Maulbertsch in den Seitenschiffen sowie die gotische St.-Ladislaus-Kapelle aus dem frühen 15. Jahrhundert im südlichen Seitenschiff. In ihr wird ein Meisterstück der ungarischen Silberschmiedekunst aus dem Jahre 1406 aufbewahrt, das Ladislaus-Kopfreliquiar. Hinter dem Dom ragt die Bischofsburg hervor.

Den Abschluß unseres Rundganges in Györ/Raab bildete die Karmeliterkirche mit Altarbildern von Altomonte.

Anschließend fuhren wir weiter nach Budapest. Gleich zu Beginn erklomm unser Bus den Gellertberg. Von der Zitadelle hatten wir einen herrlichen Blick auf die Stadt. Hier machten wir auch unser erstes Gemeinschaftsfoto, da sich die Treppe zum dortigen Freiheitsdenkmal dazu anbot.

Unser nächstes Ziel war die Margareteninsel. Nachdem wir uns hier mit einem Imbiß gestärkt hatten, machten wir einen Rundgang durch den schönsten Park Budapests, der sich auf dieser Insel befindet.

Verkehrsbedingt trafen wir etwas später als vorgesehen im sehr guten Vier-Sterne-Hotel Flamenco ein. Das Hotel, das sich am Fuß des Gellertberges in ruhiger Lage gegenüber einem kleinen Park befindet, war für die nächsten vier Tage unser Domizil.

Nach dem Abendessen um 21.30 Uhr erwartete uns noch ein ganz besonderer Leckerbissen: die Lichterfahrt durch Budapest. Unser Weg führte uns durch das Lichtermeer einer Großstadt mit ca. 2,5 Millionen Einwohner, vorbei an angestrahlten Kirchen, Denkmälern und anderen Sehenswürdigkeiten sowie über illuminierte Brücken. Märchenhaft wirkte im Lichterglanz die Fischerbastei und daneben die Matthiaskirche. Sehr romantisch war es, von der Fischerbastei die Lichter der Kettenbrücke zu betrachten, die sich in der Donau spiegelten. Einen imposanten Blick hatten wir von hier oben auf den Stadtteil Pest; im Lichterglanz unter anderem das Parlament oder die St.-Stephan-Basilika, die Margaretenbrücke, die schon erwähnte Kettenbrücke, die Elisabethbrücke und die Freiheitsbrücke, die wieder in Franz-Josef-Brücke umbenannt werden soll. Wie auf einem Stadtplan konnte man die stärker beleuchteten Ausfallstraßen erkennen. Auch die Zitadelle war uns ein weiterer Besuch wert. Beeindruckend war wieder die Aussicht und der Kontrast zur Betrachtung bei Tageslicht. Ganz besonders dankten wir unserem Fahrer und unserem Reiseleiter, die uns diese außerplanmäßige Fahrt ermöglichten.

3. Tag / Mittwoch, 1. Juli

Unser Reiseziel am dritten Tag war das Donauknie. Bereits um 9.00 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg. Zunächst vorbei an Aquincum, was „reichhaltig Wasser” bedeutet. Vom Bus aus konnte man gut einen Teil der Ausgrabungen dieser römischen Stadt aus dem 1. – 5. Jahrhundert sowie die Reste des Amphitheaters und der ehemaligen Wasserleitung erkennen.

In Szentendre machten wir zum ersten Mal Halt. Szentendre wurde an der Stelle einer von den Türken zerstörten mittelalterlichen ungarischen Stadt von serbischen Händlern, die vor den Türkenkriegen in ihrer Heimat geflohen waren, am Ende des 17. Jahrhunderts neu besiedelt. Die Stadt ist serbischer Bischofssitz. Davon zeugen die sechs serbisch-orthodoxen Kirchen von insgesamt neun Gotteshäusern. Jährlich kommen ca. 1,5 Millionen Besucher in diesen Ort.

Wahrzeichen von Szentendre ist ein verziertes Schmiedeeisenkreuz auf einem Marmorsockel, in welches Ikonen eingearbeitet sind. Es wurde nach dem Verschwinden der Pest im Jahre 1763 als Dankeszeichen auf dem kleinen Hauptplatz vor der orthodoxen Blagovestenszka-Kirche errichtet. Wir besichtigten das wichtigste von mehreren Museen, nämlich die weltberühmte Margit-Kovacs-Keramiksammlung.

Den besten Blick über die kleine Stadt mit ihren verträumten, gewundenen und verwinkelten Gassen hatte man vom Hof der katholischen Kirche, die mit ihrem charakteristischen quadratischen gelben Turm auf einer kleinen Erhebung steht. Einige von uns übten sich auf dem Hof im Bogenschießen.

Die Straße, welche von der Belgrader Kathedrale mit ihrem ochsenblutfarbenen Turm zum Hauptplatz führt, glich einem orientalischen Basar. Hier wurden folkloristische Artikel, Textilien, Puppen, Bilder, Wein, Paprika, Salami etc. zum Kauf angeboten.

Unsere nächste Station war die Festung von Visegrad, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde. Wir besichtigten die Ruinen und genossen den herrlichen Panoramablick auf das Donauknie. Am Fuße des Berges befinden sich die Ausgrabungen des im 14. Jahrhundert errichteten Palastes. Er wurde am Ende des 15. Jahrhunderts zu einem prachtvollen Renaissance-Schloß umgebaut und diente den ungarischen Königen als Sommerresidenz.

Hungrig und durstig kehrten wir im Restaurant „Renaissance” ein. Alles war schon vorbereitet. Jede(r) von uns bekam eine Krone auf das Haupt und einen Latz umgebunden, und schon konnte das hoheitliche Festmahl im mittelalterlichen Ambiente beginnen. Da der Preis Getränke (Wein) in unbegrenzter Menge mit einschloß, hob das unsere Stimmung, was in einigen Liedern zum Ausdruck kam.

Frohgelaunt fuhren wir weiter nach Esztergom. Auf unserer Fahrt durch die Dörfer konnten wir die typischen niedrigen langgestreckten ungarischen Häuser betrachten, die mit der fensterlosen oder nur mit einem Fenster versehenen Giebelseite zur Straße ragen. Diese Bauweise hängt mit der früher nach Fenstern zur Straßenseite erhobenen Steuer zusammen.

Nicht zufällig ist die riesige Kuppel der Basilika von Esztergom, die über hundert Meter hoch auf einem Hügel steht, schon von weitem sichtbar. Esztergom war bis zum Mongoleneinfall 1241 die Residenz der ungarischen Könige und die Hauptstadt Ungarns. Hier wurde um 975 der Sohn des Großfürsten Géza geboren, der als Stephan (István) I. das Königreich Ungarn gründete. Nach dem Mongoleneinfall wurde Buda die Landeshauptstadt. Esztergom blieb jedoch Sitz des Erzbischofs.

Wir besichtigten die Kathedrale; sie ist die größte Ungarns (118 Meter lang, 98 Meter breit und 110 Meter hoch). Ihre Ähnlichkeit mit dem Petersdom in Rom ist beabsichtigt, und ihr Inneres schmücken denn auch Tiziankopien anstelle von ungarischen Motiven. Hier befindet sich auch die größte Orgel Ungarns und das größte auf Leinwand gemalte Altarbild der Welt. Die Bakócz-Kapelle aus rotem Marmor, etwas abseits, ein Überbleibsel der ersten Basilika, gilt als das bedeutendste Denkmal ungarischer Renaissance. Die Schatzkammer der Kathedrale birgt eine Vielfalt von Reliquien, Zeremoniengewändern, Kelche und anderem Kirchengerät.

In der Krypta besuchten wir die Ruhestätte von Kardinal Mindszenty. Kardinal Mindszenty, ein Gegner des kommunistischen Regimes, wurde bekannt, als er beim Ungarn-Aufstand 1956 in die amerikanische Botschaft flüchtete. Zunächst war er in der Wallfahrtskirche in Mariazell/Österreich bestattet, bis nach der politischen Wende in Ungarn eine Überführung seiner Gebeine hierher in seine ungarische Heimat erfolgte. Sein Sarkophag ist immer mit Blumen sowie Bändern in den ungarischen Nationalfarben geschmückt.

Hinter der Kathedrale hat man einen schönen Blick über die Donau zur Slowakei. Eigenartig wirkt die Ruine der sogenannten Freundschaftsbrücke, die früher nach Sturovo in der Slowakei führte; sie wurde am Ende des Zweiten Weltkrieges gesprengt. Die Slowaken verhinderten bis dato aus politischen Gründen (ungarische Minderheit in der Slowakei) den Wiederaufbau der Brücke.

4. Tag / Donnerstag, 2. Juli

Da uns an diesem Tag eine etwas längere Fahrt bevorstand, hieß es bereits um 7.30 Uhr im Bus: „Alles vollzählig!”. Unsere Reiseziele waren Eger (östlichster Ort unserer Ungarnreise) und die Tanyacsárda in Lajosmizse bei Kecskemét südlich von Budapest.

Zunächst fuhren wir bis zum Autobahnende bei Gyöngyös, vorbei am Mátra-Gebirge (höchste Erhebung 1015 Meter), an Weinbergen aber auch an einem Gebiet, in dem im Tagebau Lignit (Braunkohle mit Holzstruktur) für das dortige Elektrizitätskraftwerk abgebaut wird. Ungarn hat ein Weinanbaugebiet von insgesamt 150.000 Hektar.

Eger, zu deutsch Erlau, schmiegt sich in einer Höhe von 180 Metern an die südwestlichen Ausläufer des wald- und wildreichen Bükk-Gebirges und ist umgeben von Weinhängen, an denen der bekannte Rotwein „Erlauer Stierblut” wächst. Der türkische Name Eger bedeutet übrigens „Bäder”.

Unsere Stadtrundfahrt und der anschließende Rundgang führten uns zur Serbischen Kirche und zum Burghügel. Die starke mittelalterliche Burg ist ein gut restauriertes, mächtiges Verteidigungsbauwerk. Interessant sind die Kasematten, die sich fünf Stockwerke tief durch das Innere des Berges ziehen. Der Bischofspalast, zur Burg gehörend, ist ein prachtvoller Bau und erstklassig restauriert. Beachtenswert ist ein gotischer Arkadengang. 1552 versuchten die Türken zum ersten Mal, die Stadt einzunehmen. Vergebens. 1596 aber fiel die Burg in Feindeshand, Eger war 91 Jahre lang türkisch besetzt. Damals entstanden Moscheen, Bäder und das 35 Meter hohe Minarett (das höchste in Ungarn), das heute noch steht. Von den Befestigungsmauern der Burg hat man einen herrlichen Panoramablick auf Eger.

Der „Wettergott” war uns bisher hold. Es war immer sonnig und warm. Aber jetzt kündigte Donnergrollen ein nahendes Gewitter an. Vor dem ersten heftigen Regenguß konnten wir uns gerade noch unter einen breiten Torbogen retten.

Doch dann gingen wir weiter, an der ehemaligen Minoritenkirche (heute St.-Antonius-Kirche) vorbei und erreichten den St.- Johannes-Dom, ein mächtiges neoklassizistisches Bauwerk, die zweitgrößte Kirche Ungarns. Im Dom wurden wir für unsere Mühen mit einem schönen Orgelkonzert belohnt. Dafür bedankten wir uns mit einem Lied, dessen Klang uns durch die prächtige Akustik selbst überraschte. Wir hofften, unseren Stadtrundgang trockenen Fußes fortsetzen zu können. Vor einem erneuten Regenschauer suchten wir Schutz im Erzbischöflichen Lyzeum, in dem heute die Pädagogische Hochschule mit einer 130.000 Bücher umfassenden Bibliothek untergebracht ist. Das prächtige Gebäude hat einen 53 Meter hohen Turm, in dem sich eine Sternwarte befindet.

Doch dann erwarteten uns nach einem kleinen Regenspaziergang im mit Jagdtrophäen gemütlich eingerichteten Fehérszarvas-Vadásztanya-Restaurant feine Wildspezialitäten, nämlich Frischlingssuppe und Hirschbraten.

Dem Essen schloß sich eine Fahrt durch die weite ungarische Tiefebene an. Kilometerweit kein Haus, kein Dorf. Kam man dann einmal durch ein Dorf, so erinnerten die Seitenstraßen an Jöhlingen Anfang der fünfziger Jahre. Doch man darf auch nicht vergessen, daß die Ungarn durch große Anstrengungen und entsprechende Aufforstung diese ehemalige Dünenlandschaft für die Land- und Forstwirtschaft nutzbar gemacht haben.

Von der Fahrt etwas gerädert, trafen wir auf der Tanyacsárda in Lajosmizse ein. Beim Empfang mit Aprikosenschnaps und Salzgebäck wurden wir jedoch gleich wieder munter. Eine Kutschenfahrt und die Vorführung wilder Reiterspiele und Dressuren trugen das übrige dazu bei. Mutige hatten die Möglichkeit, mal selbst ein Pferd zu reiten. Nach einem Rundgang durch die Stallungen traten wir dann über die Autobahn die Rückreise nach Budapest an. Zuvor konnten die bei der Ankunft und während der Kutschenfahrt auf der Tanyacsárda gemachten Bilder erstanden werden.

5. Tag / Freitag, 3. Juli

Am fünften Tag trafen wir uns um 9.00 Uhr zur Stadtrundfahrt durch Budapest. Erste Station war die Markthalle, in der wir nochmals ungarische Spezialitäten wie Paprika, Salami, Textilien oder guten ungarischen Wein für zu Hause einkaufen konnten.

Auf der Rundfahrt überquerten wir mehrmals die Donau und konnten so die architektonisch unterschiedlichen Brückenbauwerke bewundern. Von der Pester Uferstraße aus genossen wir das Panorama von Buda mit Gellertberg, Zitadelle, Burgberg, Burgpalast und Fischerbastei.

Wir fuhren auf breiten Boulevards durch das Villenviertel, an der St.-Stephan-Basilika, der „Großen Synagoge”, der russischen Botschaft, mehreren Museen sowie am Zoo und dem Szechenyi-Bad vorbei. Bezeichnend ist, daß sich zu Zeiten des kommunistischen Regimes schräg gegenüber der damaligen sowjetischen Botschaft das Gebäude der ungarischen Staatssicherheit befand, in dem manch ungarischer Freiheitskämpfer zu Tode gefoltert worden ist.

Am Heldenplatz machten wir schließlich Halt. Das Denkmal am oberen Ende bietet Motive für viele Fotos. Über allem steht der Erzengel Gabriel auf einer 36 Meter hohen Steinsäule, auf dem Sockel thronen die Reiterstandbilder des Großfürsten Árpád und weiterer Stammesfürsten, die an der Landnahme beteiligt waren. Auf den halbrunden Säulengängen zu beiden Seiten der Säule sind je sieben Bronzebilder bedeutender Persönlichkeiten der ungarischen Geschichte angebracht. Bei Staatsempfängen finden hier Kranzniederlegungen statt. Wegen des am Tag zuvor in der Fußgängerzone verübten Bombenanschlags war überall in der Stadt Trauerbeflaggung zu sehen.

Anschließend fuhren wir auf den Burgberg, besichtigten die neoromanische Fischerbastei und die Matthiaskirche. Von der Fischerbastei genossen wir den herrlichen Blick auf die Stadt – nun bei Tage.

Die Matthiaskirche war ursprünglich frühgotisch und wurde in der Türkenzeit als Moschee benutzt. Zwischenzeitlich wurde sie barockisiert, im 19. Jahrhundert jedoch wieder in ihren gotischen Zustand gebracht. In der Matthiaskirche wurden viele ungarische Könige gekrönt, unter anderem Franz Joseph I. und seine Gattin Elisabeth, genannt Sissi. Aus Anlaß dieser Krönung komponierte Franz Liszt 1867 seine „Krönungsmesse”, die noch heute oft in dieser Kirche aufgeführt wird.

Mit dem Eindruck, in kurzer Zeit doch das Wesentliche der ungarischen Hauptstadt gesehen zu haben, manches allerdings nur flüchtig, kehrten wir zum Mittagessen in unser Hotel zurück.

Am Nachmittag galt unser Besuch Solymár, zu deutsch Schaumar. Aus dem westlich von Budapest gelegenen Ort stammen mehrere Jöhlinger, die nach ihrer Vertreibung nach Ende des Zweiten Weltkrieges in unserem Ort eine neue Heimat gefunden haben, darunter auch Frau Butzke, die Organisatorin unserer Reise.

Im Café „Klingerhof” wurden wir freudig von der Wirtin, ihren Töchtern und der Hauskapelle begrüßt. Zum Empfang gab es Aprikosenschnaps gratis. Bei Kaffee und Kuchen, einem kühlen Bier oder einem Viertel Wein sowie einigen Stimmungsliedern verging die Zeit im Fluge.

Danach besichtigten wir das Heimatmuseum, das alte bäuerliche Gerätschaften und Wohnungseinrichtungen beherbergt, und machten einen kleinen Bummel durch die Straßen. Die schmucken Häuser des etwa 6.000 Einwohner zählenden Dorfes könnten auch bei uns in Jöhlingen stehen. Nur die Hügel in und um Solymár sind etwas höher als im Kraichgau.

Um 18.30 Uhr trafen wir uns zum Einsingen in der Kirche, um anschließend den Gottesdienst musikalisch zu begleiten. Wir sangen die deutsche Messe von Haydn, „Santa Maria”, „Herr deine Güte” und „Verklungen ist des Tages Treiben” (Mozart). Der Pfarrer hieß uns durch unseren als Dolmetscher fungierenden Reiseleiter herzlich willkommen.

Das Gotteshaus von Solymár ist im barocken Stil errichtet und ausgestattet, aber um einiges kleiner als die Jöhlinger St.-Martin-Kirche. Nachdenklich stimmte uns das Vertriebenenmahnmal an der Außenwand des Chores. Es wurde 1996 errichtet und erinnert an die Vertreibung im Jahre 1946. Das Mahnmal zeigt die Muttergottes mit Kind – unter ihrem Mantel die Vertriebenen und Zurückgebliebenen – und ruft zur Versöhnung auf.

Im Gasthaus „Goldene Krone” war für uns ein zünftiges ungarisches Vesper (kalte Platte) vorbereitet. Die Speisen und Getränke in den Gaststätten des Dorfes sind aus unserer Sicht äußerst preisgünstig. Man darf aber dabei nicht vergessen, daß die Einkommen in Ungarn größtenteils viel niedriger sind als in Deutschland, manchmal nur umgerechnet 600,- bis 800,- DM im Monat. Mit Volksliedern klang der gemütliche Abend aus. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichten wir wieder unser Hotel in Budapest, von welchem es am nächsten Morgen Abschied nehmen hieß.

6. Tag / Samstag, 4. Juli

Abschied vom schönen Hotel Flamenco bedeutete auch Abschied von Budapest. Um 8.00 Uhr starteten wir zur Fahrt an den Balaton (Plattensee), dem größten See Mitteleuropas (vor dem Genfer See und dem Bodensee).

Der Autobahn in südwestlicher Richtung folgend, vorbei am Velence-See und an Székesfehérvar, erreichten wir schließlich die größte Stadt am Balaton, Siófok, ein bekannter Badeort mit ca. 23.000 Einwohnern. Im Ort erstrecken sich kilometerlang die aneinandergereihten Ferienhäuser, die zumeist etwas hinter Bäumen versteckt sind.

Vom etwas weiter südwestlich gelegenen Zamardi setzten wir mit der Fähre auf die Halbinsel Tihany über. Dort besichtigten wir die Benediktiner-Abtei aus dem 11. Jahrhundert n. Chr.. In der barocken Abteikirche, die auch Grablege von König Andreas I. ist, ließen wir nochmals zur Ehre Gottes und zur Freude unseres ungarischen Reiseleiters unsere Stimmen erklingen. Auf dem Weg durch die Parkanlage des Klosters genossen wir den großartigen Blick auf den Plattensee.

Im Töpferhaus von Tihany konnte man günstig Vasen oder andere Töpfereiartikel aus eigener Produktion kaufen. In der Straße in Richtung Busparkplatz, die wieder einem Basar glich, fiel uns vor allem das Angebot von allerlei Wildtrophäen auf.

Am Nordufer des Balaton entlang, durch Weinberge und über Veszprém, der neuen Universitätsstadt mit einem faszinierenden Ensemble barocker Bauten, erreichten wir Herend. Hier besuchten wir das Museum der berühmten Porzellanmanufaktur. Seit dem 19. Jahrhundert wird dort Porzellan hergestellt, das in europäischer und ostasiatischer Tradition steht. Bekannt sind der Blütenzweigdekor und die Vogelplastiken. In der Manufaktur wurden unter anderem auch schönstes Tafelgeschirr und orientalische Figuren zum Kauf angeboten.

Nach einer Fahrt durch das Bakony-Gebirge nahmen wir in einer zünftigen Tscharda (Csárda), die drei Freunde unseres Reiseleiters bewirtschaften, unser Mittagessen ein. Mit Zigeunermusik wurden wir auf das typisch ungarische Mahl (Gulaschsuppe oder Gänseschlegel) eingestimmt. Einer der Tschardabetreiber zeigte uns, wie man ausgeblasene Eier mit einem Hufeisen beschlägt. Solche beschlagenen Eier konnten gegen Entgelt als Reiseandenken mitgenommen werden.

Gestärkt fuhren wir nach Györ zurück; das Hotel Rába war wieder unser Ziel. Nach der Zimmerzuteilung blieb uns noch genügend Zeit für einen kleinen Stadtbummel. Auf dem Szécheny tér, dem zentralen Platz der Stadt, hatten Händler Stände aufgebaut und folkloristische Tänze wurden dargeboten.

Das Abendessen und die Fernsehübertragung des Fußballspiels der deutschen Nationalelf beendeten den Abend. Selbst die 0:3-Niederlage unserer Mannschaft gegen Kroatien konnte den insgesamt schönen Tag nicht mehr trüben, wobei dies auch auf die Fußballanhänger zutrifft.

7. Tag / Sonntag, 5. Juli

Um 7.00 Uhr traten wir unsere Heimreise an. Auch der Nieselregen von Wien bis nach St. Pölten konnte uns die Laune nicht mehr vermiesen. Die hervorragende Qualität der österreichischen Autobahnraststätten Rosenberger haben wir wieder während einer Kaffeepause bei St. Pölten und beim Mittagessen in der Nähe von Wels kennen gelernt.

Zu einem kleinen Vesper kehrten wir im Winkler Bräustüberl in Lengenfeld / Velburg (zwischen Regensburg und Nürnberg) ein. Von der oberpfälzischen Gemütlichkeit bei bester Bewirtung waren wir angenehm überrascht. Noch größer war unsere Überraschung, als wir erfuhren, daß wir mit jedem Schluck des würzigen Jubiläumsbraunbieres dieser Privatbrauerei zur Renovierung der Pfarrkirche St. Martin in Lengenfeld beitrugen. Von jedem verkauften halben Liter Bier gingen 0,50 DM an die Pfarrkirchenstiftung. Wäre es nicht schön, wenn auch die Jöhlinger St.-Martin-Kirche neben einer solchen Brauerei stehen würde?

Dieses soziale Engagement fand allerdings ein baldiges Ende, denn wir wollten auch nicht zu spät nach Hause kommen. Über Nürnberg (kurze Pause in der Hohenlohe), Heilbronn, Walldorfer Kreuz und Bruchsal trafen wir schließlich um 19.45 Uhr wieder in Jöhlingen ein.

Eine unvergessene Reise in kameradschaftlicher Atmosphäre, die uns Ungarn nicht nur landschaftlich, historisch und kulturell nähergebracht hat, sondern bei der wir auch viel über die dortigen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse erfuhren, war zu Ende.

Für das Erlebte haben wir unserem unermüdlichen Reiseleiter – bei seinem Abschied in Györ – und unserem hervorragenden Busfahrer entsprechend gedankt.

Ein herzlicher Dank geht auch an das Ehepaar Butzke, das mit ihrer Organisation erheblich zum Erfolg dieser Reise beitrug.

Alle Teilnehmer sind der Meinung: „Diese Reise war spitze!”. Vielleicht kann in einigen Jahren wieder eine ähnliche Fahrt mit einem etwas näheren Ziel stattfinden, damit auch diejenigen Mitglieder teilnehmen können, denen dieses Mal der Weg zu weit war.

Gunter Grünwedel / im August 1998
veröffentlicht im Mitteilungsblatt der Gemeinde Walzbachtal, erschienen in Fortsetzungen, Heft 33 bis 37 – 1998 unter: Vereinsnachrichten – Cäcilienverein Jöhlingen